Auf dem Weg zum Kreuz – Impuls zur Karwoche 2021

von Pfarrerin Brigitte Weisbrod

Da kommt er! Kommt durch das Stadttor in Jerusalem geritten. Viele Menschen im Gefolge, alte, junge, Männer, Frauen, Kinder. Er, Jesus, mittendrin auf einem Esel. Da kommt er, schaut nur! Nicht auf einem stattlichen, hohen Ross, sondern auf einem trotteligen und zotteligen Lasttier der armen Leute. Das hätte ihnen schon zu denken geben müssen. Daran hätten die Leute schon erkennen können, wer da kommt. Aber viele haben ihn nicht erkannt. Oder sie wollten nicht sehen, dass da kein König mit Schwert und Soldaten kommt, der ein für alle Mal durchgreift gegen die Besatzungsmacht der Römer. Sondern ein König der Herzen und ein König des Friedens, der nicht mit Gewalt durchgreift. Der ganz anders „eingreift“ ins Leben: liebevoll, gnädiglich, tröstlich.

Wie sehr hat er sich auf die Seite der Kinder und Frauen gestellt, dieser Jesus! Und die liebevoll beachtet, die am Rande standen und keine Rechte hatten. Die verkrümmte Frau hat er aufgerichtet und geheilt und die Kinder zu sich gerufen, sie in die Arme geschlossen und sie gesegnet. Die Menschen, die an ihrer Schuld schwer zu tragen hatten, die hat er entlastet. Er hat sie angenommen, ihnen Vergebung zugesprochen und ihnen seine Liebe gezeigt. So konnten sie sich ändern. Wie der Zöllner und Betrüger Zachäus. 
So greift Jesus ein ins Leben: liebevoll, gnädiglich und tröstlich. Er greift nicht durch. Erstrecht nicht mit Gewalt. Er ist behutsam und geduldig, menschenfreundlich. Er wirbt und lockt und will geliebt sein, nicht gefürchtet!

Und dieser König der Herzen und des Friedens, der stellt sich auch zu uns! Wie die Menschen damals tröstet er auch uns und richtet uns auf! Uns, die wir derzeit ermüdet, ja regelrecht zermürbt sind von dem ganzen „Corona Hin und Her“ und vielleicht auch wütend.
Es gibt eine neue Wortschöpfung, die es ganz gut trifft: ich bin „mütend“ – eine Mischung aus müde und wütend: mütend. Ich glaube viele Menschen fühlen sich so. Die Kraft geht aus, die Einschränkungen auszuhalten und mitzutragen. Unverständnis über die sehr unterschiedlichen Reglements, Ärger und Wut nehmen zu. Und da sind auch die, die am liebsten alles rigoros verbieten würden. Auch die sind voller Ärger, vielleicht auch voller Angst.

Lassen wir uns doch alle in diesen Tagen, egal wo wir stehen und welcher Meinung wir sind, von diesem Jesus trösten und aufbauen! Und wenn wir das an uns geschehen lassen und er als König in unsere Herzen einzieht, dann versuchen wir, es ihm nachzumachen.  Versuchen, mit uns selbst und unsere Ungeduld, unserer Ohnmacht oder unserer Angst liebevoll, gnädiglich und tröstlich umzugehen. Und mit den Gefühlen und Empfindlichkeiten anderer auch. Denn alles andere hilft uns nicht! Wenn wir durchgreifen wollen und rücksichtslos werden, wenn wir uns selber oder anderen Vorwürfe machen, die Meinung und die Einstellung des anderen diskreditieren, einander mit Worten oder Gesten angreifen oder niedermachen -es führt zu nichts. Wie es damals auch nichts gebracht hätte, wenn Jesus hoch zu Ross mit Waffengewalt gekämpft hätte – niemals hätte er so die Herzen der Menschen erreicht, damit sie an Gott glauben. Stattdessen ist er den untersten Weg gegangen. Und hat das Leiden der Menschen getragen wie sein Lasttier ihn getragen hat beim Einzug in Jerusalem.

Wenn wir unseren Blick von uns weg in die Welt richten, dann sehen wir auch da, was es bringt, wenn welche mit Gewalt durchgreifen: wie viele junge Menschen sterben in Myanmar an der Brutalität des Militärs! Und es gibt leider noch viel mehr Beispiele dieser Art. Scheinbare Stärke ist hier in Wahrheit hilflose Schwäche. Und pure Menschenverachtung.

„Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“ Die Menschen verehren Jesus mit diesem Ruf. Und sie bitten ihn. Denn Hosianna ist hebräisch und heißt „hilf doch!“ Es ist ein Hilferuf. Ein Flehen. Hilf doch, du König des Friedens!

„Hosianna“, rufen wir:
Hilf denen, die unter Gewalt leiden und Ungerechtigkeiten aushalten müssen, wie die jungen Leute in Myanmar und die Frauen in der Türkei.
Hilf den Machthabern, dass sie umkehren und Wege der Verständigung, der Menschenrechte und des Friedens suchen und auch finden.
Hilf denen, die derzeit regieren müssen, die allzeit klug, stark und vorbildlich sein sollen und doch auch nur Menschen sind. Sie sind genauso durcheinander und „mütend“ wie wir selbst.
Hilf unseren Kindern und Jugendlichen, dass sie nicht ganz versauern und hoffnungslos werden.
Hilf den Kranken auf den Intensivstationen, den Ärztinnen und Pflegern.
Hilf den Selbständigen und Kulturschaffenden, die ohne Arbeit sind und den Geschäftsleuten, die den Boden unter den Füßen verlieren. Hosianna, unser Herr hilf!

Nutzen wir die Karwoche, die sogenannte „Stille Woche“ oder „Heilige Woche“, um zu beten! Lassen wir uns nicht verführen, hart durchgreifen zu wollen, nach keiner Seite hin. Sondern schauen wir auf Jesus, wie er ins Leben eingreift, wenn wir es zulassen: liebevoll, gnädiglich und tröstlich. Legen wir ihm unsere Fragen, Sorgen und Bitten hin im Gebet. Wie damals die Menschen ihre Kleider oder Palmzweige auf seinen Weg zum Kreuz legten!
Und bitten wir ihn: Hosianna, hilf doch Jesus… und nimm alles mit zum Kreuz und verwandle es zum Guten!

Kirche begleitet, auch in Corona-Zeiten

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Wer wir sind ...

Wir sind eine evangelische Gemeinde in Mühlburg im Westen von Karlsruhe.
Unsere kleine gelbe Kirche am Lindenplatz ist die Karl-Friedrich-Gedächtniskirche.

Gemeinsam mit der Lukasgemeinde und der Markusgemeinde bilden wir innerhalb der Evangelischen Kirche in Karlsruhe eine Kooperationsregion – die “Regio West”.

In der Ökumene fühlen wir uns verbunden…

… mit den römisch-katholischen Pfarreien St. Peter und Paul und St. Bonifatius der Seelsorgeeinheit Allerheiligen. Deutlich sichtbar wird diese Ökumene bei dem jährlichen ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag.
… und mit der Altkatholischen Gemeinde der Christi Auferstehungskirche im Geist von Taizé